Das Thema Mindestlohn hat in vielen aktuellen Diskussionen in der Öffentlichkeit einen breiten Raum eingenommen.
In allen politischen Parteien, Gewerkschaften und auch in den Kirchen gibt es reichlich Informationsmaterial. Die Argumente Pro oder Kontra sind sehr oft mit Ideologien hinterlegt und mich erstaunt es schon hin und wieder, was selbst in christlichen Kreisen immer wieder zu hören ist. Dabei kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass in den realen Diskussionen dann sehr schnell eine Art Ping-Pong-Spiel entsteht, in dem ein Argument durch das Argument von Andersdenkenden erschlagen wird.
Ganz oft würde ich nur allzu gerne fragen, wie verträglich die jeweiligen Argumente mit den Inhalten der Bibel sind. Diese schweigt dazu in keinster Weise. Einige davon möchte ich auflisten, weil sie uns helfen zu verstehen, uns korrigieren und ausrichten. - „Unterdrückt und beraubt einander nicht! Wenn ihr jemanden tageweise beschäftigt, müsst ihr ihm jeden Abend seinen Lohn auszahlen.“ (3. Mose 19,13)
- „Wenn ihr mit einem Ochsen Getreide drescht, dann bindet ihm nicht das Maul zu!“ (5. Mose 25,4)
- „Weh dem, … der seine Untertanen unentgeltlich arbeiten lässt und sie um den gerechten Lohn bringt.“ (Jeremia 22,13b)
- „Wer arbeitet soll auch seinen Lohn bekommen.“ (Lukas 10, 7b)
- „Es ist doch so: Wenn ich eine Arbeit leiste, habe ich Anspruch auf Lohn. Ohne Leistung werde ich nichts bekommen.“ (Römer 4,4)
- „Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten, und sorgt selbst für euren Lebensunterhalt, so wie wir es euch schon immer aufgetragen haben. Auf diese Weise seid ihr von niemandem abhängig, und die Menschen außerhalb der Gemeinde werden euch achten und vertrauen.“ (1. Thessalonicher 4, 11b - 12)
In Matthäus 20, 1 - 16 finden wir das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Im Gleichnis selbst wird sehr vieles angesprochen, dessen Auslegung ich an dieser Stelle nicht leisten kann. Ich will aber zumindest auf den Tageslohn eingehen, der in vielen Übersetzungen mit einem römischen Denar beziffert wird. Zur Zeit Jesu lebten die meisten Menschen sehr einfach. Die Hauptnahrungsmittel waren Brot, Obst, Gemüse, schon etwas weniger Milch, Eier und sehr viel seltener Fisch oder Fleisch. Für den dort üblichen Tageslohn von einem römischen Denar konnte der Arbeiter dann zwölf Brote kaufen, also mehr als er für den Tag brauchte. Somit konnte er sich sogar darüber hinaus versorgen und menschenwürdig leben. Übertragen zeigt das Gleichnis die Definition eines Lohnsystems, in dem auch dem Schwächsten nicht das vorenthalten wurde, was er zum Leben brauchte. War das nicht etwa eine Art von Lohnuntergrenze, also ein Mindestlohn?
Müssen wir nicht zur Kenntnis nehmen, dass die Tarifautonomie in bestimmten Bereichen einfach nicht funktioniert? Nun wird postuliert, dass der Staat nicht das Recht hat, in die Tarifautonomie einzugreifen. Nach Römer 13 führt die Obrigkeit das "Schwert", um für Ordnung zu sorgen. In der Schul-, Verkehrs- und Sozialgesetzgebung hat der Staat dies längst getan. Hat der Staat (Obrigkeit) beim Mindestlohn nicht sogar die Pflicht, ordnungspolitisch einzugreifen? Deshalb sollte er Regeln einführen, damit die soziale Marktwirtschaft wieder funktionieren kann. Das ist doch auch bei den Finanzmärkten so, die wir in die Freiheit entlassen haben und jetzt merken, dass es so nicht funktioniert. Wenn etwas nicht mehr funktioniert wie ursprünglich angedacht, dann ist der Gesetzgeber aufgerufen, zu handeln.
Dass rund 1,2 Mio. Menschen einen Stundenlohn von unter 5,- Euro bekommen und ca. 300.000 Menschen trotz Vollzeitarbeit auf Hartz IV angewiesen sind, stört mich mächtig. In einer katholischen Verlautbarung aus dem Jahre 1891 kann man lesen, dass es eine „natürliche Gerechtigkeit“ sei, „dass der Lohn nicht etwa so niedrig sei, dass er einem genügsamen, rechtschaffenen Arbeiter den Lebensunterhalt nicht abwirft“. Das heißt ja nichts anderes, als dass man von seiner Arbeit leben können muss.
Menschen, die in Deutschland von ihrer Arbeit nicht leben können, werden von der Allgemeinheit gestützt (Hartz IV). Ist es aber letzten Endes nicht so, dass damit nicht der betroffene Mensch selbst, sondern sogar das Unternehmen (das sich womöglich keinen höheren Lohn leisten kann) subventioniert wird? Diese Frage muss man stellen dürfen.
Müsste man nicht endlich einmal fragen, ob hier ein Unternehmer den eigenen Gewinn oder Lebensunterhalt auf Kosten von Menschen bestreitet, die ihren eigenen Lebensunterhalt nicht bestreiten können? Ist so etwas ein funktionierendes Geschäftsmodell? Ist diese Art von Modell ethisch zulässig? Vor Gott verantworten muss das natürlich jeder selbst. Aber schon zu Luthers Zeiten wetterte dieser gegen solche Machenschaften: "Es passt sich aber nicht, dass einer auf des andern Arbeit hin müßig geht, reich ist und wohllebt, während es dem Arbeitenden übel geht, wie es jetzt die verkehrte Gewohnheit ist."
Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich jedoch in unserer Gesellschaft immer mehr und die soziale Marktwirtschaft ist in Marktwirtschaft verkommen. Es geht aber für uns bei „Christen in der Wirtschaft“ darum, dass Jesus Christus in den Unternehmen auch in diesen Bereich unseres Lebens hinein sprechen darf, dass wir ihn dazu einladen, uns zu leiten und uns unsere soziale Verantwortung und Möglichkeiten zu zeigen. Mit „Wirtschaften auf biblischer Grundlage“ (WiBi) wollen wir dazu einen aktiven Beitrag leisten.
Ich wünsche mir und Euch/ Ihnen den Mut, Entscheidungen zu treffen und in eine Richtung zu gehen, in der wir Jesus Christus durch unseren Alltag ehren und wir Lebenszeichen für andere Menschen sein können.
Ich grüße Euch/ Sie ganz herzlich aus dem "Badischen"
Friedbert Gay |