Wirtschaftsjournalist: Eurokrise ist Vertrauenskrise
Scharfe Kritik an der Politik in der Euro- und Wirtschaftskrise hat der Wirtschaftsjournalist Hans-Joachim Vieweger (München) geübt. „Die Politik versucht, das Vertrauen der Investoren zu gewinnen, indem sie Maßnahmen beschließt, die nicht vertrauenswürdig sind“, sagte Vieweger auf einem Empfang zum Neuen Jahr in der Christlichen Tagungsstätte Hohe Rhön in Bischofsheim.
Er ist beim Bayerischen Rundfunk tätig und gehört zur bayerischen Landessynode. Vieweger sprach dort vor rund 100 regionalen Repräsentanten aus Politik, Gesellschaft und Kirche zum Thema „Krisen über Krisen – worauf es heute ankommt“. Die Maßnahmen der Politik lösten bei vielen Menschen Ängste aus: „Ein solches Konzept muss scheitern. Vertrauen lässt sich nur gewinnen, wenn die Schuldenpolitik glaubhaft beendet wird.“ Vieweger kritisierte, dass die Probleme der Finanzwelt seit drei Jahren gelöst werden sollten, indem Grundlagen für immer neue Probleme geschaffen würden. Dies sei der Fall, wenn Staaten die Banken auf Kosten künftiger Generationen stützten und die Notenbanken Milliarden in die Märkte pumpten, obwohl Inflation und neue Spekulationsblasen drohten. Vieweger: „Wir nehmen eine Portion Morphium nach der anderen und merken gar nicht, wie sich an immer mehr Stellen am Körper neue Wunden auftun.“
Entscheidend bei der Lösung der Krise sei der Faktor Vertrauen. Vieweger weiter: „Wenn Sie Vertrauen in die Zukunft haben, beeinflusst das schon heute Ihre Entscheidung.“ Denn Wirtschaft sei zu einem großen Teil Psychologie: „Unserer Erwartungen, wie die Zukunft morgen aussehen wird, prägen unser Handeln heute, das wiederum nicht ohne Folgen für die Zukunft bleibt.“ Deshalb zeigte sich Vieweger davon überzeugt: „Die Krise, unter der wir am meisten leiden und die uns wohl am längsten verfolgen wird, ist eine Vertrauenskrise.“ Vertrauen mache nicht nur das Miteinander menschlich, sondern fördere Wirtschaftsbeziehungen und erhalte Demokratien.
In Wirtschaft und Gesellschaft sei eine Art Moralkapital nötig. Für ihn sei die Bibel mit ihren Maßstäben die Quelle für ein solches Moralkapital, bekannte Vieweger. Das Maß der Wirtschaft sei der Mensch – und das Maß des Menschen sei sein Verhältnis zu Gott: „Wer weiß, dass er von Gott geschaffen und geliebt ist, der kann Gott auch um Kraft bitten, richtig zu handeln – selbst dann, wenn es vordergründig nicht zum eigenen Vorteil ist.“ Gottes Plan für die Menschen sei ein gelingendes Leben. Dies zeige sich aber nicht auf dem Bankkonto, sondern am Verhältnis zu Gott und den Mitmenschen. Gastgeber des Empfangs waren der früheren Leiter der Christlichen Gästehäuser, der Landessynodale Fritz Schroth (Bischofsheim), und Dekan Michael Wehrwein (Lohr am Main).
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