Zwei Beerdigungen (Dr. Stephen R. Graves)

15.04.2019

Vor einigen Monaten fanden in unserer Gemeinde innerhalb einer Woche zwei Beerdigungen statt. Von beiden Verstorbenen wusste ich, dass sie ein langes Leben und viel erreicht hatten. So nahm ich an, dass die beiden Beerdigungen sich ähneln würden. Damit lag ich komplett falsch.


Die erste Beerdigung war eine wahrhaft eindrückliche Feier des Lebens. Alle Kinder und Enkelkinder dieses Mannes waren dabei, und ich stellte fest, dass alle seine Kinder erfolgreiche Menschen mit Charakter geworden waren. Sie haben gute (nicht perfekte) Beziehungen untereinander und mit anderen. Mehrere seiner Enkelkinder erzählten von ihren Erinnerungen und davon, was sie von ihrem Großvater gelernt haben. „Als Großvater…“, so hörte man unzählige Male. Er hatte in seinem Leben eindeutig mehrere Generationen geprägt.

Doch nicht nur die Familie war gekommen. Sogar einige Manager des Unternehmens einer seiner Söhne waren von der Ostküste zur Beerdigung hingeflogen. Der Saal war mit Hunderten von Freunden und Verwandten gefüllt. Ich war erstaunt darüber, wie viele Menschen er mit seinem Leben berührt hatte.

Ich war froh, zu der Beerdigung gegangen zu sein, weil es die Art von Beerdigung war, die ich mir für mich selber auch wünschen würde. Natürlich spiegelte seine Beerdigung letztendlich sein Leben wider.

Später in dieser Woche ging ich dann noch zu der anderen Beerdigung. Es waren weniger als 10 Menschen anwesend. Der Pfarrer wusste nichts  Persönliches über den Menschen, den er beerdigen sollte, zu berichten.

Dabei war es nicht so, dass der Mann die letzten 30 Jahre untergetaucht gewesen wäre. Er hatte ein sehr erfülltes Leben, das aber zu einer leeren Beerdigung geführt hatte. Warum? Weil sein Leben mit den falschen Dingen gefüllt war. Sein Leben drehte sich um ihn selbst, hauptsächlich um Materielles, nicht um gesunde Beziehungen und positive Einflussnahme.

Ich dachte, die Beerdigungen würden sich stark ähneln, doch sie waren komplett gegensätzlich.

David Brooks, Journalist der New York Times, beschrieb dies mit prägnanten Worten. Er meinte, in unserer Kultur werden eher diejenigen Tugenden wertgeschätzt, die sich gut auf einem Lebenslauf machen, als diejenigen, die wir im Hinblick auf unsere Grabrede anpeilen sollten. Vielleicht war er kurz vor dem Verfassen des Artikels auch auf einer Beerdigung gewesen.

Beerdigungen bringen uns dazu, die Kürze unseres Lebens und unsere Prioritäten zu überdenken. Sie erinnern uns an das Ewige und das Göttliche. Sie unterbrechen unsere Routine und Geschäftigkeit und lassen uns darüber nachdenken, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Sie rufen uns ins Gedächtnis, dass Menschen wichtiger sind als Dinge und Aktivitäten. Sie lassen uns zurückblicken, was uns oft dabei hilft, nach vorne zu schauen.

Vielleicht heißt es deshalb im Buch Prediger, „Geh lieber in ein Haus, wo man trauert, als dorthin, wo gefeiert wird. Denn im Trauerhaus wird man daran erinnert, dass der Tod auf jeden Menschen wartet.“ (Prediger 7,2).

Natürlich ist der Tod traurig und erschüttert uns. Aber wann immer Sie die Möglichkeit haben, an der Feier eines gelungenen Lebens teilzunehmen, sollten Sie sie nutzen.

Dr. Stephen R. Graves beschreibt sich selbst als Unternehmensstrategen, pragmatischen Theologen und sozialen Kapitalisten. Er berät
Geschäftsleute und Jungunternehmer.
Übersetzung: Susanne Nebeling-Ludwar, Tübingen: S.Ludwar@gmx.de
Bibelzitate sind der Übersetzung Hoffnung für Alle entnommen, wenn nicht anders angegeben.
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