„Le plaisir de l’habitude“ – das Vergnügen der Gewohnheit

16.01.2020

Das Zitat stammt vom französischen Schriftsteller und Sozialkritiker Marcel Proust: „Le plaisir de l‘habitude est souvent plus doux encore que celui de la nouveauté.“

Übersetzt: „Das Vergnügen der Gewohnheit ist oft süßer als das der Neuheit.“

Da ist was dran! Veränderungen packen wir eben erst an, wenn wir ein Bild von der Zukunft haben, das so hell strahlt, dass wir uns auf den Weg dorthin machen. Denken Sie einen Moment über diese Behauptung nach!

Da musste es vielen Angst machen, als der aktuelle deutsche Finanzminister Olaf Scholz seine Rede im Bundesrat am 20. Dezember 2019 mit den Worten begann: „Wir verändern die Art und Weise, wie wir wirtschaften, grundlegend. Seit dem Beginn der Industrialisierung, die uns den großen Wohlstand, den wir heute genießen, geschaffen hat, ist das Wirtschaften darauf angewiesen, dass fossile Energien verbraucht werden. Dass sie dann eine Belastung für das Klima mit sich bringen, die wir heute sorgfältig diskutieren und kennen, ist die Folge. Deshalb ist das, was sich Deutschland vorgenommen hat, schon eine ganz große Veränderung der Wirklichkeit, in der wir heute leben. Wir haben uns fest vorgenommen, dass unser Land, genauso wie Europa insgesamt, 2050 klimaneutral wirtschaften soll.“ Hier malt einer ein helles Bild – so soll die Wirklichkeit 2050 aussehen!

Ich lese auf Empfehlung gerade „China 2049 – Wie Europa versagt“ des Wirtschaftsjournalisten Martin Winter. Das Buch beginnt mit der Schilderung, wie die Feierlichkeiten zum 100jährigen Bestehen der Volksrepublik China am 01. Oktober 2049 in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens im Detail stattfinden. Hier malt einer ein dunkles Bild – so droht die Wirklichkeit 2049 aussehen!

In meiner heimischen Tageszeitung nahm ich die Einladung zu einem Vortrag wahr: „Commonistisches Wirtschaften“, so das Thema. Wer nach der Bedeutung und Herkunft dieses Kunstwortes forscht, wird gelehrt: Der Kommunismus war eine gute Idee, die aber an der Ungleichheit gescheitert ist, der Kapitalismus ist überholt und nicht zukunftsfähig, der Commonismus als solidarische Ökonomie mit seiner Freiwilligkeit und Gleichheit das Modell der Zukunft. Hier malt einer ein Wunschbild – so kann die Wirklichkeit in Zukunft aussehen!

Vor wenigen Wochen führte ich als Pastor und Referent bei einer Familienfreizeit u. a. in die Grundlagen der „gewaltfreien Kommunikation“ ein. Dieses Modell hilft, in Konflikten deutlicher die eigenen Bedürfnisse erkennen und benennen zu können, damit sie im Austausch mit dem anderen dazu führt, dass das eigene Leben und das Miteinander insgesamt friedlicher werden. Hier malt der/die Betroffene ein Wunschbild – so möge die Wirklichkeit in Zukunft sein!

Vor vielen Jahren war ich bei den Massai im Süden Kenias – Nomaden, die mir Bilder zeigten. Diese gemalten Bilder drückten ihren Wunsch und ihre Sehnsucht nach einer heilen, friedlichen Zukunft mit festen Häusern, schattigen Bäumen und fließendem, sauberen Wasser aus. Hier malten Menschen ihr Wunschbild – so sollte die Wirklichkeit in der Zukunft sein.

„Es ist das Jahr 2024… Ich hatte Glück, dass ich noch einen Platz für den Kongress bekommen habe. Sechs Wochen vorher war schon alles ausgebucht. Und tatsächlich, es hat sich gelohnt herzukommen.“ So beginnt das Zukunftsbild, dass eine Arbeitsgruppe als Ergebnis eines langen Prozesses mit vielen Beteiligten bei faktor c /Christen in der Wirtschaft unter der Überschrift „was wir erleben möchten!“ geschrieben hat. Hier malen Christinnen und Christen ein helles Bild – so möge die Wirklichkeit 2024 sein.

Wir erleben die Gewohnheit nicht immer als Vergnügen, aber ehrlicherweise ziehen wir die Gewohnheit grundsätzlich dem Neuen vor. Ohne solche Bilder ändert sich nichts an unseren Gewohnheiten, verfestigt sich das Bestehende immer mehr, kommt nichts in Bewegung. Wenn wir ein helles Bild von der Zukunft haben, wie wir sie uns wünschen, machen wir uns auf, einen Weg dorthin zu suchen. Jesus Christus verspricht denen, die ihm vertrauen, „Zukunft und Hoffnung“.

„Ich, Gott der Herr, weiß, was ich mit euch vorhabe: Ich habe Frieden für euch im Sinn und will euch aus dem Leid befreien. Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung. Mein Wort gilt!“ (Bibel, Altes Testament, Jeremia 29, 11)